Der Cornelsen Ratgeber für die Grundschule
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Lernen an einer Waldorf-Grundschule

Bildung unabhängig von Voraussetzungen

Die Waldorfpädagogik stellt soziale Gerechtigkeit in den Vordergrund und soll Kinder ihrem Alter und Entwicklungsstand angemessen fördern. Unser Ratgeber hilft Ihnen herauszufinden, ob eine Waldorf-Grundschule für Ihr Kind geeignet ist und welche Alternativen Sie in Betracht ziehen können.

Die Waldorfschule – was ist das?

Das Konzept, auf dem Waldorfschulen basieren, gibt es seit 1919. Damals eröffnete Rudolf Steiner, der Begründer der Waldorfpädagogik, seine erste Schule. Heute sind Waldorfschulen daher auch als Rudolf-Steiner-Schulen bekannt.

Der Reformpädagoge verfolgte das Ziel, Kindern unabhängig von ihren Voraussetzungen Bildung zu ermöglichen. Soziale Herkunft, Begabung und spätere Berufswahl sollten das Recht auf Bildung nicht beeinflussen. Etwa 250 Waldorfschulen, darunter auch Waldorf-Grundschulen, gibt es heute in Deutschland.

Grundlage der Waldorfpädagogik ist die anthroposophische Menschenkunde Rudolf Steiners. Die spirituellen und esoterischen Elemente dieser Weltanschauung ziehen bis heute bisweilen Kritik auf die Schulen. Ob und inwieweit diese Lehren an Waldorfschulen vermittelt oder umgesetzt werden, ist nicht überregional geregelt und daher von Schule zu Schule unterschiedlich. Tragend sind unter anderem folgende Gedanken:

  • Menschen seien in drei Teile untergliedert: Geist, Seele und Leib. Dementsprechend seien auch alle drei Teile gleichmäßig zu fördern.
  • Das Gleiche gelte für die die Seelenfähigkeiten Denken, Fühlen und Wollen, die ebenfalls in der Schule zu berücksichtigen seien.
  • Ein Mensch entwickele sich in Jahrsiebten, jeweils mit einem bestimmten Schwerpunkt. So lerne beispielsweise ein Kind zwischen 7 und 14 Jahren vor allem durch Vorbilder.

Aus diesen und weiteren Prinzipien leitet sich ab, wie heutzutage an Waldorf-Grundschulen und weiterführenden Schulen unterrichtet wird.

Die Umsetzung an Waldorf-Grundschulen

Für die Grundschule nach dem Waldorf-Konzept ist vor allem das zweite Jahrsiebt maßgeblich. Laut Rudolf Steiners Lehre lernen Kinder in diesem Alter hauptsächlich durch Vorbilder. Dieses Vorbild soll die Klassenlehrerin bzw. der Klassenlehrer darstellen, die bzw. der die Kinder durch die ersten acht Schuljahre – also über die „normale“ Grundschulzeit hinaus – begleitet.

Der Unterricht bei dieser Lehrkraft findet zum großen Teil in Epochen statt: Über mehrere Wochen wird lediglich ein einziges Hauptfach (Deutsch, Mathematik, Naturwissenschaft etc.) unterrichtet, bis eine Lerneinheit sinnvoll abgeschlossen ist. Die Kinder führen in dieser Zeit ein Epochenheft, in dem sie ihren Lernfortschritt dokumentieren.

Hinzu kommt Fachunterricht, der durch Fachlehrkräfte erbracht wird. So lernen Kinder an Waldorf-Grundschulen üblicherweise von der ersten Klasse an Englisch und eine weitere Fremdsprache und erhalten Unterricht in Musik und Sport. Im Gegensatz zu anderen Schulen finden an Waldorfschulen auch viele künstlerische und handwerkliche Fächer Platz, zum Beispiel Gartenbau, Töpfern, Eurythmie, Orchester, Schneidern etc.

Waldorfschulen unterscheiden sich von anderen Grundschulen in mehreren Punkten:

  • Die staatlich genehmigten oder staatlich anerkannten Waldorfschulen erheben Schulgeld. Meist ist der Betrag nach dem Einkommen der Eltern gestaffelt.
  • Noten werden in der Regel nicht oder erst ab dem 9. Schuljahr erteilt. Stattdessen gibt es verbale Rückmeldungen zu Leistungen, Fortschritten, Begabungen und Bemühungen.
  • Eine Differenzierung, also eine angepasste Vermittlung des Unterrichtsstoffs, findet erst in höheren Klassen statt. Dass Kinder unterschiedlich schnell lernen, wird als normal angesehen und daher nicht „korrigiert“.
  • Da die Kinder an Waldorf-Grundschulen ihrem Alter entsprechend lernen sollen, sind die Klassen immer altershomogen. Deshalb gibt es auch kein Sitzenbleiben.
  • Lehrbücher kommen im Unterricht eher selten zum Einsatz. Die Auswahl der Materialien obliegt den Lehrkräften.
  • Der Fremdsprachenunterricht ab Klasse 1 und das Fach Eurythmie sind typisch für Waldorf-Grundschulen.
  • Generell arbeiten Lehrkräfte und Eltern an Waldorfschulen eng zusammen, und Eltern werden aktiv in Schulaktivitäten eingebunden.

Grundsätzlich können Schülerinnen und Schüler auch an Waldorfschulen alle üblichen Schulabschlüsse erwerben. Manche Schulen bieten das Ablegen der Prüfung intern an, andere organisieren eine externe Prüfung. Alternativ können die Lernenden den – staatlich nicht anerkannten – Waldorfabschluss nach 12 Schuljahren ablegen. Eine zentrale Abschlussprüfung dafür gibt es nicht, jedoch legen die Schülerinnen und Schüler eine Jahresarbeit vor, absolvieren Praktika, nehmen an einem Klassenspiel und weiteren Projekten teil.

Die richtige Grundschule finden

Waldorf-Grundschulen bieten eine Alternative zum üblichen Schulsystem in Deutschland – ähnlich wie Montessori-Grundschulen, die ebenfalls den Schwerpunkt auf das kind- und altersgerechte Lernen legen. Wenn Sie langes gemeinsames Lernen schätzen, vom Konzept der Waldorfschulen aber nicht überzeugt sind, kommt vielleicht eine Gemeinschaftsschule infrage.

Manche Waldorf-Grundschulen sind als Ganztagsgrundschulen konzipiert, um die Betreuung der Kinder über den Unterricht hinaus zu sichern. Für Kinder mit besonderem Förderbedarf stehen sowohl sonderpädagogische Waldorfschulen als auch integrative Grundschulen zur Auswahl.

Tipp: Einen Überblick erhalten Sie in unserem Artikel zur Auswahl der Grundschule.